Matthias Holländer

Second Life – die Musik-Biographie eines Malers

Bevor ich im September 1954 in der Ami-Kasernen-Stadt Heidelberg in Zeiten des "Fräuleinwunders" auf die Welt kam, hatte ich im Leib meiner Mutter wohl schon so einiges zu hören bekommen. So etwa ab Mai 54 elektrisierte z.B. der legendäre Titel von Bill Haley and his Comets "Rock Around the Clock" nicht nur mich in meinem Fruchtwasser - sondern deutete eine musikalische Zeitenwende an, die mich und meine Generation nachhaltig prägen sollte.

Jungmusikant hatte Freud im Schweizerland

Ab dem 4. bis zum 15. Lebensjahr (ca. von 1959 - 1970) bin ich dann gut bürgerlich aufgewachsen in der Schweiz - allerdings immer in der Nähe von psychiatrischen Anstalten mit grosser Strahlkraft, an denen mein Vater als Seelenarzt tätig war. In dieser Zeit war es noch selbstverständlich, dass jede Kindergärtnerin, jeder Grundschullehrer mindestens vier Instrumente leidlich beherrschte. Dazu gehörte auch, dass sie ihre Kehlen tagtäglich zusammen mit dem Chor der ihnen anvertrauten Kinder gesanglich zu betätigen verstanden. Das hatte ich sehr gern.

Auch an Vaters Piaf- und Brassens- und Bécaudplatten, mit denen die Klangräume meiner Kindheit gefüllt waren, habe ich angenehme Erinnerungen, ebenso wie an die Orffschen Weihnachtsoratorien, die meine Mutter mit grossem Aufwand und riesiger Besetzung zu inszenieren pflegte. Kleine bis mittlere Rollen in diesen Singspielen zu verkörpern, erlaubte erste Bühnenerfahrungen und katapultierte mich ganz nebenbei in das spannende Pandämonium der Orffschen Klangerzeuger - erste exotische Soundwelten ...

Anspruch und Wirklichkeit gehen flöten

Zu meinem Leidwesen gab es dann auch noch anspruchsvollere Ausbildungs-versuche seitens der Eltern: bei der Ankündigung, dass ich als nun 7-jähriger fortan Klavierunterricht bei einer sehr netten Lehrerin in Meilen bei Zürich bekommen sollte, brach ich verzweifelt in Tränen aus ... Das half mir aber nichts.

Später dann mit 10 in Kreuzlingen am Bodensee setzte sich die Klavier-Katastrophe fort - nur mit einem männlichen Lehrer, der sehr gern auf meinen kurzbehosten jugendlichen Schenkel griff, um dort zärtlich den Takt zu geben. Überhaupt Musikunterricht: Spass verderbend, z.B. durch diese ungeliebten Einzel-Vorspiele auf der Blockflöte, die der Lehrer (verständlicherweise) so langweilig fand, dass er während meines Spiels endlich gnädig selbst zu seiner Flöte griff und erst mal eine zweite begleitende Stimme intonierte, um dann schliesslich mit einer wilden barocken Improvisation ein bisschen Feuer in die Darbietung zu bringen, die mich dann aber regelmässig völlig verwirrte und zum Aufgeben zwang. Da capo vor versammelter Klasse, einfach zum Schämen - eine öffentliche Hinrichtung meiner bescheidenen Blockflötenkünste durch schamlos zur Schau gestellte Virtuosität ...

Neue Leidenschaften

Aber bald waren auch diese Leiden gnädig vorbei: ich galt als musikalisch minder begabt, konnte den verhassten Klavierunterricht knicken und auch dem Schulchor stimmbruchbedingt leise Servus sagen ("Holländer, du brummst!"), und mich endlich ungestört neu entdeckten Leidenschaften zuwenden, u. a. der Malerei.

Inzwischen 15 geworden - und ein Jüngelchen, das sich seit einiger Zeit hauptsächlich mit Elektronik- und Chemiebaukästen beschäftigt hatte - kam dann doch wieder ein Instrument ins Spiel (diesmal selbstgewählt im 69er-Jahr): eine superbillige kleine Westerngitarre. Ich hab sie noch immer gern; das sind halt Lorenzsche Prägungen.

Bald entdeckte ich, dass das auf der Gitarre aufgeklebte Mikrofon des väterlichen Diktiergeräts unerhörten Sound erzeugen konnte, wenn man den Aussteuerungs-Regler auf Rechtsanschlag stellte ... Klang das nicht schon ganz ähnlich wie bei Jim, Jimmy, Janis und den anderen?

Elektro oder was?

Eines war mir jetzt klar: ums Elektrifizieren kommt man nicht rum. Als 'alter' Radiobastler, der bereits mit 12 Jahren die Region mit einem selbstgebauten sehr privaten UKW-Sender verunsicherte, - der aber meistens probehalber nur "eine kleine Nachtmusik" von Mozart spielte - schon gar nicht. Seinerzeit ging es uns noch hauptsächlich um 'Reichweite', in Kilometern.

Mit einem Freund gemeinsam kaufte ich dann meine (unsere) erste E-Gitarre (Guitar-Sharing!), ein Halbakustik-Sonderangebot, das aus gutem Grund so billig war: extrem und unrettbar verzogener Hals, kaum spielbar: aber elektrisch! Einen Verstärker hatten wir nicht, aber Vaters Röhrenradio bekam einen zusätzlichen Eingang angelötet und war dann ganz schön laut. Einen wunderbaren Resonanzgeber entdeckte ich auch: das verhasste Klavier war immerhin noch als Hallraum zu brauchen, wenn man das Pedal verklemmte und die Dämpfer für immer schweben liess ...

Schon wenige Monate später: das erste Effektgerät: ein MXR-Bodentreter, ein amtlicher Verzerrer. Soo gut. Aber dann: das zweite Gerät wird wirklich Kult. Electric Mistress von Electro Harmonix - ein Aha-Erlebnis der unvergesslichen Art: da holt also der Bartl den Most her. Ein Kauf - nein, eher wieder eine Prägung, die ihre Spuren nicht nur psychologisch bis in unsere heutigen Wonderlake-Produktionen trägt.

Der Taper

Mit 17 hatte ich mir das Gitarrespiel so leidlich selbst beigebracht und es auch im Alltag als haltgebendes Ritual etabliert. Viel wurde mit Freunden gejamt und improvisiert. Das war auch bitter nötig, um sich nicht nur passiv durch das revolutionäre Sound-Material aus England und Amerika, das unsere jungen Trommelfelle erschütterte, überwältigen zu lassen.

Es drang nun aus immer mehr Kanälen, mal mehr (Radio Luxemburg), mal weniger (Ö3-Musicbox) verrauscht aus dem Äther.

In dieser Zeit wurden massenhaft 'Taper' geboren - und ich war einer von ihnen. Wir 'tapten' was heute downgeloadet wird, wir 'tapten', was das Zeug hielt, auch mobil, eine Livesession oder ein Konzert, ein heimliches Sample aus dem Unterricht, Lieblingstitel vom Lieblingssender oder ein offenes Mikrofon unter dem Bett im Nebenraum einer Party: Der Sound des eigenen und des Lebens der anderen war das Objekt fantasievoller Begierde. Irgendwie mutet mich das Treiben dieser Tapergeneration jetzt wie eine Vorstufe der heutigen Digi- und Webcam-Kultur und -Unkultur an; Tauschbörsen gab es in jedem Pausenhof, und natürlich war dieser Handel eine sehr persönliche Sache.

Richtig angefressene Taper, wie ich, hatten allerdings noch lange 'richtige' Spulentonbandmaschinen, als der Rest der Mannschaft längst auf die den Diktiergeräten der Elterngeneration entwachsenen Kassettendecks umgestiegen waren, die das 'Tapen' als Massenphänomen erst ermöglichten. Diese Spulen-Saurier hatten für Kreative den Vorteil, dass man die Bänder wie einen Film schneiden konnte, ein Feature, das erst in der Computer-Generation Mitte der 90er Jahre wieder selbstverständlich werden sollte.

So kam es, dass ich seit den frühen 70ern bis noch weit in die 80er-Jahre, Ping-Pong-Mehrspuraufnahmen auf meinem tollen Revox-Tonbandgerät produzierte. Neben vielen Improvisationen entstanden ab 1980 auch eigene Songs mit deutschen Texten, eher sprechgesangsmässig und von der neuen Deutschen Welle, aber auch vom Austro-Pop inspiriert.

Acqua Alta

Mitte der 70er kam als Intermezzo noch ein Alt-Saxophon daher - ich war gerade dem Sound von Gato Barbieri hoffnungslos verfallen. Am liebsten spielte ich in den Resonanzraum der noch immer vorhandenen Reste des dämpferlosen Klaviers hinein, das mich als Kind fast die Musik gekostet hätte (ja, es wurde dennoch bei Übersiedlungen mitgenommen und mit dem Kran unpassierbaren Treppenhäusern enthoben).

Unfassbar, was geschah, wenn man gleichzeitig auch noch einen anderen Ton in das Mundstück sang: Fluten von Soundwaves, die sich an der zerklüfteten Küste meines geschrotteten Klaviers brachen... - aber leider musste ich mich bald von diesem wunderbaren Blasinstrument aus gesundheitlichen Gründen trennen. Ein Abschied, der mich mehr schmerzte, als mein scheinbar gut verarbeitetes Blockflötentrauma (s. o.) erwarten liess...

Vienna was not calling

Zuvor gab es in Wien, wo ich im Herbst 1973 an der Akademie der bildenden Künste das Studium der Malerei begann, ganz neue Einflüsse: Miles-Davis-Electro-Jazz, Fusion, Free Jazz; Stockhausen, aber auch die Keimzellen des o.g. Austro-Pops konnten einem im Wien der 70er nicht verborgen bleiben, und aus einem zufälligen Treffen in einer Nachtbar mit einem gewissen Herrn Hölzl, der einen Basskoffer mitschleppte, wurde zwar keine Freundschaft, aber eine bleibende Erinnerung an den späteren Falco, den ersten 'weissen Rapper' mit Welterfolgen.

Nein, musikalisch ging hier in Wien für mich nichts weiter, keine vertieften Kontakte in die Musiker-Szene, keine Jam-Sessions, nur einsame Improvisationen meiner inzwischen wieselflinken Gitarrenfinger, die oft auch wohlwollendsten Freunden nach kurzer Zeit die Nerven blanklegten... Aber dazu war ich ja schliesslich auch nicht hier.

Soundpainter

1980 von Wien über Berlin zurück an den Bodensee; hier war ich erstmals mehr als das Mitglied eines lockeren Jam-Vereins, der sich periodisch zum Surfen und Versinken in riesigen Soundwaves traf: ein wirkliches Bandprojekt entstand, mit einigermassen festem Personal, einem Repertoire aus eigenen und anderen Songs, einem Probenkeller nur für uns und mit Auftrittsambitionen. Nur wenige Bühnenerfahrungen waren unserem Ensemble vergönnt, bevor es sich 1984 auflöste - aber sie bestätigten meinen schon lange gehegten Verdacht: zur Rampensau, die öffentlich beim Gitarrenquälen ihren Schmerz herausschreit, war ich wirklich nicht geboren ...

Zudem war ich ja schliesslich Maler. Ich malte ein Bild nach dem anderen. Wiederholungen wären Zeitverschwendung gewesen. So ähnlich sah ich das immer klarer auch bezüglich meiner Möglichkeiten bei meinen nebenberuflich entstehenden musikalischen Erzeugnissen: war das Stück, der Song, der Sound erst mal gelungen auf Konserve gebannt, gab es für mich musikalisch eigentlich nichts weiter zu tun - warum auch sollte ich dieses Klangbild ein weiteres Mal malen? Zumal unter schwer kontrollierbaren Bedingungen auf einer Bühne und unter öffentlicher Beobachtung...

An diesem Punkt meiner Musik-Biografie stellten sich die Weichen wohl endgültig in Richtung Produzent und Soundmixer (da bin ich als Maler und Farb-Mischer fast schon im Kernkompetenzgebiet unterwegs). Natürlich spiele ich auch heute gerne noch eine Gitarren- oder Bassphrase instrumentell ein - um sie danach getrost zu vergessen, wenn sie einmal gut gepasst hat.

Virtual Drifter Incarnation

1983 kaufte ich mir den ersten erschwinglichen frei programmierbaren Drumcomputer, ein aus heutiger Sicht etwas primitives Gerät, mit nur zwei Dynamikstufen und gewöhnungsbedürftigen 12-Bit-Samples. Trotzdem eine Offenbarung, die jede Beat-Box und jeden mir persönlich bekannten Drummer tief in den Schatten stellte. Endlich spielte der Drummer mal genau das, was ich wollte! Später folgte ein weiteres Modell (erstmals eingesetzt bei "Broken Hill"), das schon wesentlich verfeinerte Parameter (u.a. Human Touch etc.) bereitstellte und bereits sehr schön klang. Mein Weg in die musikalische Virtualität war vorgezeichnet.

Aber damit nicht genug: etwa 1993 erwarb ich gebraucht von einem Studenten der Betriebswirtschaft meinen ersten 'richtigen' Computer, einen Atari 1040 ST, einem Modell, das sich in Musikerkreisen wegen der eingebauten MIDI-Schnittstelle und darauf zugeschnittener guter Musik-Software grosser Beliebtheit erfreute und ganz nebenbei auch mein Leben, wie so viele andere, verändern sollte. Weil ich völlig ahnungslos war und ohne Beistand ins kalte Wasser sprang, hatte ich recht elementare Erlebnisse.

Es war also meine musikalische Daseinsform, welche natürlich immer etwas im Schatten meiner bildnerischen Präsenz als Maler stand, die mich in die Welt der digitalen Virtualisierungen einführte - eine Inspiration, die mich bald auch in meinem 'ersten' Leben als Maler zunehmend mit digitalen Inputs konfrontierte und zur alltäglichen Praxis werden liess. Ein nur scheinbarer Umweg, ohne den es vielleicht wirklich einen gegeben hätte.